Dass ich da stehe und weine

2014 begannen vier Mitglieder der Gruppe Motus 4, sich mit den Folgen des Kriegs in Syrien auseinander zu setzen und zeigten erste Bilder und Skulpturen bei einer Gemeinschaftsausstellung im Düsseldorfer Lindner-Hotel unter dem Titel ‚Im Dialog mit Dir‚.

Zusammen mit Flüchtlingen aus Nigeria, Syrien und dem Iran, die in Langenfeld auf ihren Asylbescheid warteten, entstand im Jahr darauf in meinem Atelier in Langenfeld ein 3 x 2 Meter großes Gemeinschaftswerk, das die Erlebnisse in der Heimat, die Flucht und das Ankommen in Europa eindringlich darstellt. Durch den andauernden Kontakt entstanden weitere Bilder und Skulpturen, ebenso fotografisch festgehaltene Momente, wo Freundschaft und Integration gelebt werden.

Die Ausstellung wurde im Juni 2016 unter dem Titel ‚Dass ich da stehe und weine‚ von Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) und der damals stellvertretenden Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann (Bündnis90/Die Grünen)  im Solinger Rathaus präsentiert und fand großen Anklang. Mehr als 1000 Besucher fanden innerhalb von vier Wochen den Weg ins Rathaus, ganze Schulklassen wurden vom Oberbürgermeister Tim Kurzbach persönlich durch die Ausstellungsräume geführt.

Ein Jahr später, am 28.07.2017, eröffnete der Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, Andreas Mucke (SPD), unsere Kunstausstellung im Rathaus Wuppertal-Barmen. Er verwies in seiner Ansprache auf die politische und gesellschaftliche Verantwortung, die jeder von uns trägt, um Flucht und Ausbeutung zu vermeiden.

Im August 2018 Jahr wanderten die Bilder und Skulpturen in die Niederlande und wurden dort am 1. September von Kunstprofessor Albert Sander an der Universität Nimwegen/Arnheim zur Semestereröffnung präsentiert.

Insgesamt wurden 33 Bilder und 3 Skulpturen gezeigt.
Die hier auszugsweise vorgestellten Werke wurden von Helga Pollok gefertigt.

Vorwort von Helga Pollok

Weltweit benötigen nach UN-Angaben 125 Millionen Menschen humanitäre Hilfe – so viele, wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Bürgerkriege, massive Menschenrechtsverbrechen und die Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung von Ressourcen durch westliche Länder zwingen derzeit 60 Millionen Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Als uns vor 8 Jahren immer mehr Meldungen vom Bürgerkrieg aus Syrien erreichten, begannen wir uns – mit den Möglichkeiten unserer künstlerischen Mittel – mit der Thematik des Krieges intensiv auseinander zu setzen. 

Wir wollten keine Ausstellung, die einzig auf Medienberichten fußte, keine Ausstellung, die bequem vom warmen sicheren Sofa aus ein Konzept erhielt. Wir wollten die Geschichten, das Erlebte hören und suchten den Kontakt zu den direkt Betroffenen. Während unseres Einsatzes in einer Erstaufnahmestelle in Langenfeld hatten wir über Wochen die Gelegenheit, mit Menschen aus vielen Nationen zu sprechen. Wir sprachen mit den Mitarbeitern des DRK und den Männern vom Sicherheitsdienst, ohne deren enormen Einsatz wir das alles eben nicht geschafft hätten. Im Gottesdienst wurden Flucht und ihre Ursachen thematisiert, und wir sprachen mit Menschen, die von ihrer Vertreibung im und nach dem 2. Weltkrieg erzählten. Wir hörten Menschen zu, denen die Vielzahl der Flüchtlinge Angst einjagte. Honorarkräfte, die bis an ihre eigenen Grenzen durch ihre unermüdliche Hilfe stießen, berichteten vom unvorstellbaren Erlebten der aufgenommenen Flüchtlinge. 

Eine dieser Kräfte, Frau Meyn aus Langenfeld,  stellte den Kontakt zu Flüchtlingen her, die auf ihren Asylbescheid in ihren Unterkünften warten.

Wir lernten Nazanin aus dem Iran, Samuel und Gloria aus Nigeria und Mohamed aus Syrien in meinem Atelier in Langenfeld kennen. Jeder erzählte seine Geschichte, seinen Kampf ums Überleben, von seiner Familie und seinen Freunden, von denen, die in der Heimat bleiben mussten, um die man sich sorgt. Alle haben die Hoffnung, hier in Deutschland ein friedliches besseres Leben führen zu können. Wir erlebten traumatische Momente, wo wir nicht wussten, wie wir reagieren sollten. Wo sich Entsetzen breit machte, wo wir nur noch mit Tränen in den Augen uns in die Arme nahmen.  

Gemeinsam entstand das Bild und somit auch der Titel unserer Ausstellung: „Dass ich da stehe und weine“

Samuel erzählte von Warlords, die die Menschen christlichen Glaubens in die Kirche trieben und diese anzündeten, von brutaler  Gewalt, von seiner Flucht übers Meer nach Sizilien. Von seiner Familie und Freunden, die er vermisst.

Gloria berichtete über ihre Flucht entlang der Mittelmeerküste, dem Durchqueren der überfüllten Lager, der Überfahrt mit dem Boot, der Ankunft in Griechenland und der Leichen, die im Wasser schwammen. 

Nazanin aus Isfahan beschrieb die Christenverfolgung im Iran, Frauenverachtung und willkürliche Misshandlungen, tägliche Hinrichtungen mit absurden Anklagen und ohne jeglichen Prozess. Und die Ausbeutung von Ressourcen durch westliche Länder und deren Folgen. „They all are coming for oil.“

Mohamed aus Aleppo in Syrien erzählte vom brutalen Vorgehen der Milizen, dem plötzlichen Auftauchen des IS und seiner brutalen Gewalt, seiner Flucht übers Meer mit 4 Stunden nie erlebter Todesangst, der glücklichen Aufnahme auf offener See durch einen griechischen Frachter. Auch er beklagte die Ausbeutung der Ressourcen durch westliche Länder und deren Desinteresse, wenn die Quellen plötzlich versiegen. Dann verließen die Herren das Land und überließen die ausgebluteten Gebiete sich selbst. Er möchte gerne in sein Land zurück, steht aber zwischen allen Grenzen.

Wir wollen mit unserer Ausstellung erinnern, Verständnis erwecken,  anklagen, aber auch Lösungswege aufzeigen. Zeigen, dass Integration funktionieren kann, wenn jeder sich ein Stückweit auf einander zu bewegt.
Aber auch der Menschen gedenken, die durch die hässliche Fratze der Kriege, der Flucht und des Terrors weltweit ihr Leben lassen mussten.

Kolonialisierungen und Ausbeutung haben verschiedene Gesichter und Modelle.

Wir hier in den westlichen Ländern haben uns mit schuldig gemacht durch Waffenlieferungen, Ausbeutung örtlicher Ressourcen und der unüberlegten finanziellen Unterstützung von Anhängern verschiedener religiöser Glaubensrichtungen, die nach Vormachtstellung streben. 

Eine Ressource wird in Zukunft das meist umkämpfte Gut dieser Erde sein. Und man kann es durch nichts ersetzen: Wasser!
Allein im kleinen Jordanien, das über 650.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, sind die Pegel der Grundwasserreservoirs zuletzt dramatisch gefallen – im Norden des Landes in knapp 20 Jahren um rund 60 Meter. Die Regierung kann ihren Bürgern nur 150 Kubikmeter Wasser pro Jahr zur Verfügung stellen – weit weniger als jene 500 Kubikmeter, unterhalb derer die UNO von Wassermangel spricht. Besonders alarmierend ist, dass die Absenkung des Pegels in den letzten fünf Jahren deutlich an Tempo zugelegt hat – mit enormen Auswirkungen auf die zukünftigen Möglichkeiten der Grundwasserentnahme. 1

Der Klimawandel wird die Situation weiter verschärfen. Dürren, Hitzewellen oder Starkregen werden in manchen Regionen deutlich erhöht auftreten somit neue Flüchtlingsströme auslösen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Entsalzungsanlagen werden die wirtschaftliche Investition der Zukunft sein.

Sechs Jahre nach dem Beginn der Vorbereitungen zu dieser Ausstellung ist die Aussicht auf den Weltfrieden ernüchternd. Durch die neue politische Machtverteilung präsentiert sich die Welt noch unsicherer, Menschenrechte werden weiter mit Füßen getreten und Ressourcen weiter zum Wohle der Konzerne und deren Aktionäre ausgebeutet. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auch in Europa immer weiter auseinander, viele Menschen fühlen sich benachteiligt. Rechte Gesinnungen finden immer größeren Nährboden, mit der gefühlten Unsicherheit der Bürger wird populistische Politik betrieben. Gesellschaftliche Kälte und Gleichgültigkeit machen sich hierzulande breit.

Selbst Europa läuft Gefahr, den ursprünglich Europäischen Gedanken aufs Spiel zu setzen. 

Ich mag nicht von Flüchtlingskrise sprechen, das hört sich so an, als seien die Flüchtlinge an der „Krise“ schuld. Die Krise haben wir durch tatenloses Zusehen selbst herauf beschworen. Es war eher ein Wegsehen und Überhören. Die Hilferufe der UNHCR waren vor 6 Jahren laut genug, als es hieß, es stünden nur noch 30 Cent/Tag für jeden in der Türkei gelandeten Flüchtling zur Verfügung – es gab aber keine Reaktion.

Das schwedische Friedensforschungsinstitut Sipri in seinen neuesten Studien die unvorstellbare Summe von 1,68 Billionen Dollar aufgezeigt, die die Menschheit für Rüstungsausgaben im Jahr 2016 ausgegeben hat. Das sind 227 $ pro Kopf – 260 $ verdient ein Mensch im Jahr in Burundi. (destatis.de) 
12 Millionen $ kostete allein der amerikanische Einsatz „Inherend Resolve“ in Syrien – pro Tag!
Nach Unesco-Angaben können weltweit 250 Millionen Kinder kaum lesen, schreiben und rechnen, obwohl die Hälfte von ihnen die Schule mindestens 4 Jahre besucht hat. Es fehlen weltweit 5,2 Millionen Lehrer.

Wenn die Menschen glauben, keine Zukunft mehr zu haben, machen sie sich auf den Weg.

Durch das Wegsehen war niemand in Europa auf 1 Million Flüchtlinge vorbereitet und mit der Bewältigung überfordert. Jahrelang wurden die Meldungen über die Insel Lampedusa in Italien ignoriert. Das „Geschachere“ um die Unterbringung der Hilfesuchenden in Europa war beschämend!
Armut und mangelnde Bildung sind die Ursachen, dass Menschen sich leicht vereinnahmen lassen und Diktatoren, Warlords und fanatische Religionsführer ein einfaches Spiel haben. 
Ob Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling – es gilt alle Flucht von vornherein zu vermeiden und den Menschen wieder eine Perspektive in ihrer Heimat zu geben. Indem in Schulen und der Ausbildung von Lehrern vor Ort investiert wird, nachhaltige Landwirtschaft unterstützt wird, Bioenergie die lokale Versorgung verbessert und so die Abholzung von Wäldern vermeidet. 

So wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet und Armut verhindert. 

Das ist die Hand, die nach dem Ertrinkenden greift und ihn rettet.
Quelle: 1 Hannoveraner Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und Wasserministerium Jordanien

Atelier Bariolé
Helga Pollok
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